Umwelt-KOMPASS Viernheim
Gesundheitsinformationen der
KOMPASS-Umweltberatung Viernheim e.V.
Aufruhr im Immunsystem

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Allergien - Volkskrankheit Nummer eins

Wenn im Frühling die Sonne scheint, Gräser und Bäume blühen und die
ersten Insekten fliegen, dann heißt das normalerweise: Rauf auf's Rad,
raus ins Grüne, Picknick im Park, Rasen mähen, Balkon bepflanzen....

Für den Allergiker heißt es: Die Augen tränen, die Nase läuft, der Hals
juckt und wird rot, rote Quaddeln sprießen auf der Haut und schlimm-
stenfalls bekommt man Asthma - nix wie rein ins Haus oder die
Wohnung und möglichst die Schotten dicht machen.
Was ist ein Heuschnupfen?

Heuschnupfen (allergische
Rhinitis, "Rhin" steht für die
Nase) ist der Spitzenreiter
unter allen allergischen Er-
krankungen. Er ist das große Allergieproblem der Jugend-
lichen und jungen Erwachs-
enen. In dieser Altersgruppe
erwischt es in Mitteleuropa
jeden fünften. Fieserweise
beginnt das Problem in der
schönsten Zeit des Jahres.
Wenn die ersten Inhalations-
allergene fliegen und die
Pollen der früh blühenden
Erlen und Haselsträucher in
der Nase kitzeln, beginnt
die Saison.
Das Krankheitsbild ist stark vom Wetter und vom jahreszeitlichen
Pollenflug abhängig. Häufigste Auslöser sind Gräserpollen, gefolgt von
Baum- und Kräuterpollen. Das klassische Beschwerdebild sind laufende
Nasen, Nasenjucken und Niesattacken. Wenn auch die Augen betroffen
sind, spricht der Mediziner von einer "allergischen Rhinokonjunktivitis".
Rote Augen und Tränenfluss vervollständigen die übliche Symptomatik.
Ist man einmal erkrankt, wird der Heuschnupfen oft über Jahrzehnte zum
ständigen Begleiter. In den ersten Jahren verschlimmern sich die
Symptome. Ab der Lebensmitte lassen Sie allmählich nach.

Das Immunsystem spielt immer häufiger verrückt

Allergische Krankheiten wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis
verzeichnen in den letzten 20 bis 30 Jahren eine dramatische Zunahme.
Stark betroffen sind bestimmte westliche Länder.
Warum das so ist,
darauf gibt es (noch) keine plausiblen Antworten. F
orscher werkeln auf
der ganzen Welt an ehrgeizigen Untersuchungsreihen, mit denen sie
herausfinden wollen, warum immer mehr Menschen an Allergien leiden.

Lange hat man sich mit dem Faszinosum der überschießenden Abwehr
beschäftigt, dabei wurden die Frage nach den Ursachen in den Hinter-
grund gedrängt. Doch Schuld an den roten Augen, an Hautplacken und
Atemnot haben weder Katze, Milbe noch Mohrrübe. Sie sind nur der
Auslöser einer geheimnisvollen Krankheit, die von einem unbekannten
Motor angetrieben wird.

Als Ursachen werden immer wieder neue Hypothesen gehandelt. Das
ohnehin schon dicke Ursachenbündel bekommt ständig Zuwachs. Die
Gene sind schuld, gewiss, aber auch die Umwelt, der Lebensstil, der
Wohlstand, die aseptische Gesellschaft, die Chemikaliencocktails, die
Dieselabgase, die Zigaretten, die medizinische Versorgung, die Einzel-
kinder, der Psychostress; oder alles zusammen? Oder vielleicht doch
die Ernährung? Wächst der Mensch überhaupt noch artgerecht auf?
Allergien - eine Wohlstandskrankheit?

Die weltweiten Studien haben bis jetzt vor allen Dingen zwei Resultate ergeben:

1) Die galoppierende Zunahme allergischer Erkran-
kungen ist real und kein sich selbst beschleunigender
Wahrnehmungsfehler. Selbst alte Menschen, die
eigentlich wegen ihres langsam ermüdenden Immun-
systems gegen überschießende Reaktionen auf
Allergene gefeit sein sollten, kriegen plötzlich Heu-
schnupfen und Asthma.

2) Je größer der Wohlstand, desto kräftiger tränen die Augen. Dies wird
z. B. deutlich belegt durch das frühere Ost-West-Gefälle: Osteuropäische
Länder und auch China standen trotz hoher Luftverschmutzung lange am
Ende der Allergieskala; sie beginnen jetzt aber aufzuholen (siehe auch
die Situation in den neuen Bundesländern).

Feinstaub - "Taxi" für Allergene

Allerdings ist dieser Sachverhalt keineswegs eine Entlastung für die
weniger sichtbaren Atemgifte etwa aus den Auspuffrohren. Vor allem
Dieselpartikel, an die sich die Pollen mit Vorliebe anheften, stehen im
Verruf, die Allergene "per Taxi" bis in die kleinen Verästelungen der
Atemwege zu transportieren und dort Entzündungen zu provozieren. Aber
was genau unsere Lebensumstände so ungesund macht, bleibt im Detail
noch ebenso unklar wie viele andere Phänomene der Allergieepidemie.

Tipps für Allergiker

Allergien werden gerne als Lappalie abgetan. Doch die Lebensqualität der
Betroffenen ist oft empfindlich eingeschränkt. Vor allem kranke Kinder
können eine ganze Familie in Turbulenzen stürzen. In schweren Fällen
können heftige Asthmaschübe oder anaphylaktische Schockreaktionen
sogar zum Tod führen. Allergiker sollten frühzeitig zum Arzt gehen und
eine Diagnostik und Therapie einleiten, wenn möglich eine Hypo-
sensibilisierung versuchen.

In den meisten Fällen können die Symptome zumindestens spürbar
gelindert werden. Auch wer "nur" an Heuschnupfen leidet, muss Triefnase
und rote Augen nicht als unvermeidlichen Tribut an das Sexualleben der
Windbestäuber hinnehmen und aussitzen. "Einfach nur aushalten ist die
falsche Strategie", sagt Ingrid Voigtmann vom Allergie- und Asthmabund.
Wer nichts unternehme, riskiere Etagenwechsel und Verschlimmerung:
die Verlagerung der Allergie auf die unteren Atemwege. Patienten mit
Allergieverdacht sollen nicht zum Hausarzt gehen, sondern zum Aller-
gologen. Da es keine Facharztausbildung für diese medizinische
Richtung gibt, kann sich jeder Arzt nach entsprechender Zusatz-
ausbildung so bezeichnen. Betroffene müssen also genau recherchieren,
wo ein wirklich kompetenter und erfahrener Allergologe praktiziert.

Eine gute Diagnostik kann das Leben verändern. Wenn Nahrungs-
mittelallergiker durch Provokationstests erfahren, auf welche Nüsse,
Gemüse und Getreide sie reagieren, wenn Heuschnupfler "ihre" Gräser
und Bäume kennen, dann erst können Vermeidungsstrategien greifen.
Was also können die Betroffenen tun? Urlaub an der See während der
heißen Phase des jeweiligen Pollenflugs hilft ebenso wie tägliches
Haarewaschen während der kritischen Tage und verschlossene Fenster.
Noch bessere Vermeidungschancen haben Hausstauballergiker. Sie
können bis hin zu Spezialmatratzen durch gezielte Maßnahmen den
Kontakt mit der Milbe im Hausstaub meiden. Aber auch der beherzte Griff
in den Arzneischrank hilft. Antihistaminika, lokal anwendbare Tropfen und
Sprays für Augen und Nase verbessern die Lebensqualität. Wer keine
Multiallergien hat, sollte eine Hyposensibilisierung probieren. Dabei wird
versucht, durch Verabreichung des Allergens in winzigen Dosen das
Immunsystem allmählich zur Tolerierung der Substanz zu überreden.

Quelle: Natur & Kosmos, 9/2000

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